Der größte Organismus
der Welt
Wissenschaftler entdeckten 900 Hektar großen und 2400 Jahre
alten Riesen-Pilz
Corvallis – Sein lieblicher Name ist trügerisch. Er ist
ein heimtückischer Killer und hat gerade einen neuen Rekord aufgestellt:
Ein Honigpilz (Armillaria ostoyae) aus der Gattung der Hallimasch ist der
größte lebende Organismus, der je auf der Erde entdeckt wurde.
Auf einer Fläche von fast 900 Hektar reicht er mit seinem weit verzweigten
Pilzgeflecht, dem so genannten Myzel, fast einen Meter tief in den Boden.
An der Oberfläche macht er sich nur durch seine essbaren, aber wenig
schmackhaften Fruchtkörper bemerkbar. Und durch sein zerstörerisches
Werk. Das brachte US-Forscher der Oregon State University in Corvallis
jetzt auch auf seine Spur.
Im Malheur National Forest östlich von Prairie City untersuchten
sie die Ursachen des rätselhaften Waldsterbens. Der Honigpilz, so
fanden sie heraus, hatte die Wurzeln der Bäume angegriffen. Seine
kräftigen, braunschwarzen Myzelstränge waren mithilfe von Enzymen
in die Bäume eingedrungen, hatten sich zwischen Rind und Holzteil
immer weiter ausgebreitet. Damit entzog der Honigpilz den Bäumen Wasser
und notwendige Nährstoffe, brachte ihnen einen schleichenden Tod.
Luftbilder zeigen das ganze Ausmaß des Waldsterbens. An 112 ausgewählten
Punkten entnahmen die Forscher daraufhin Wurzelproben und analysieren das
Erbgut des Pilzes. Sie entdeckten insgesamt fünf verschiedene Individuen
– eines davon übertraf in seinen Ausmaßen noch den bisherigen
Rekordhalter. Das war auch ein Honigpilz, der 1992 im Nachbarstaat Washington
entdeckt worden war. Der Honigpilz kann sie die anderen Hallimasch-Arten
auch vor allem auf Obstplantagen große Schäden anrichten. Tötet
er einzelne Bäume, muss er jedoch nicht immer schädlich für
den Wald sein, meinen die Forscher. Ein toter Baum ist Lebensraum für
viele Insekten. Spechte finden dort Nistplätze. Die Lücke im
Wald schafft Raum und Licht für nachwachsende Bäume. Der Honigpilz
selbst zersetzt das Holz seines Opfers. So gelangen Nährstoffe wieder
zurück in den Boden.
Das gigantische Ausmaß des jetzt entdeckten Honigpilzes erklären
sich die Forscher mit dem trockenen Klima im östlichen Oregon. Der
Pilz hat nur wenig Chancen, sich geschlechtlich über Sporen fortzupflanzen.
So haben die alten Individuen kaum Konkurrenz, können immer weiterwachsen
und sich ungestört ausbreiten. Die Forscher schätzen, dass der
Rekordpilz mindestens 2 400 Jahre alt ist. Claudia Ehrenstein,
Welt 7. August 2000