Harz aus Kiefern macht Kaugummi
geschmeidig
Deutsche bevorzugen Minz- und Fruchtaroma
Berlin – Sie kleben unter Tischen und an Schuhsohlen. Es gibt sie in
verschiedenen Farben, Formen und Geschmacksrichtungen. Sie haben sogar
Einzug in den Medizinschrank gehalten. Kaugummis sind längst nicht
mehr nur Kaumuskeltraining für Teenager, sondern helfen beispielsweise
bei der Zahnpflege oder gegen Reiseübelkeit. Die verschiedenen Kaumassen
haben dabei vor allem eins gemeinsam: Eine unverdauliche Grundsubstanz.
Diese Kaugummibase ist die „Seele“ des Kauvergnügens. Früher
wurde sie aus natürlichen Harzen und Latexsorten hergestellt. Vorwiegend
der Naturlatex Chicle wurde für Süßigkeiten verwendet.
Diese geschmeidige Masse wird aus dem Milchsaft des Sapotillbaumes gewonnen.
Er wächst in den tropischen Regenwäldern Mittelamerikas, aber
seine Bedeutung für die Kaugummiindustrie hat in den vergangenen Jahren
stark nachgelassen.
Kein Wunder, da allein in den USA im Jahresdurchschnitt etwa 300 Kaugummis
pro Person bis zur Geschmacklosigkeit durchgekaut werden. Längst haben
synthetische Polymere den Naturstoff abgelöst. Sie bestehen ebenso
wie das Naturprodukt aus langen Molekülketten, die miteinander vernetzt
sind. Allerdings lassen sich durch synthetische Basen die Eigenschaften
des Kaugummis besser beeinflussen.
Aus Kiefern stammt das eingemengte Naturharz Kolophonium. Es hält
die Base geschmeidig. Für die weiche Konsistenz sind Glycerin und
andere Pflanzenölprodukte zuständig. Sie erleichtern das Vermischen
der Zutaten und halten die Masse weich.
Moderne Kaugummis haben gegenüber Naturprodukten erhebliche Vorteile:
Sie schonen nicht nur die Sapotillbaumbestände und halten den Geschmack
länger, sondern ihre speziellen Rezepturen kleben auch weniger. So
können Kronen- und Plombenträger genussvoll kauen, ohne um den
Verlust ihrer Zähne und Füllungen bangen zu müssen.
Ein Kaugummi besteht allerdings nur zu etwa 20 Prozent aus Kaumasse.
Zucker und Zuckerersatzstoffe wie Aspartam und Sorbit sind zu ungefähr
60 Prozent und flüssige Süßmittel zu etwa 10 Prozent enthalten.
Der flüssige Bestanteil ist meist Glucose, ein natürlicher Zucker,
der aus Mais oder Weizen gewonnen wird. Seine Aufgabe ich nicht, den Kaugummi
zu süßen, sondern ihn frisch und elastisch zu halten.
Da Süße allein für ein anhaltendes Kauvergnügen
nicht ausreicht, werden noch Aromen hinzugemischt. Die favorisierte Geschmacksrichtung
ist abhängig von der Region, in der gekaut wird. Hier zu Lande herrschen
die Minz- und Fruchtaromen vor. Je mehr Geschmacksstoffe in die Masse eingearbeitet
wurden, desto länger hat der Kauende etwas davon.
Das Aroma für die Spearmint-Gums wird aus Krauseminzarten, das
für Doublemint-Gums aus Pfefferminze gewonnen. Aus den erntefrischen
Pflanzen, die auf amerikanischen Plantagen angebaut werden, wird das Minzeöl
herausdestilliert. Die Fläche, die für die Minzepflanzen benötigt
wird, entspricht etwa der Größe von 16 300 Fußballfeldern.
Um aus den fünf Komponenten Kaugummi herzustellen, wird zunächst
die Grundsubstanz geschmolzen und mittels Hochgeschwindigkeitszentrifugen
und Filtermaschinen gereinigt. Danach werden die anderen Inhaltsstoffe
hinzugegeben und in großen Portionen miteinander verknetet. Je nach
gewünschter Konsistenz wird die Base ausgewählt. Generell gilt,
je weicher ein Kaugummi sein soll, desto länger müssen die Polymerketten
der synthetischen Base sein.
Bis zu einer Tonne Kaumasse wird auf einmal mit Z-armigen Knetern vermengt.
Es entsteht ein Teig, der, je nach gewünschter Kaugummiart, weiterverarbeitet
wird. Für Streifen muss er nur noch ausgewalzt, mit Puderzucker oder
Zuckerersatzstoffen bestäubt und geschnitten werden. Dragees und Kugeln
hingegen werden noch einmal mit einer Zucker-, Farb- und Aromaschicht überzogen.
In einem Klimaraum werden die Süßigkeiten anschließend
gehärtet.
Ist es dann endlich soweit, dass die Kaugummis im Geschäft liegen,
hat der kauwillige die Qual der Wahl. Härtere kleinere Dragees liegen
neben Streifen und Spearmint-, Doublemint- und Fruchtgeschmack. Wieder
andere sogenannte Bubblegums sollen Kinder zum Blasenmachen motivieren.
Zuckerfreie Zahnpflegekaugummis schützen die Zähne mit pharmazeutischen
Inhaltsstoffen und durch Anregen des Speichelflusses vor Karies. Eukalyptus
und Menthol in der Kaubasis bieten eine Alternative zum klassischen Hustenbonbon
und befreien den Rachenraum und Atemwege.
Solange der Geschmack anhält, sind Kaugummis eine Freude, ist
die Base aber ausgelaugt, wird die Kaumasse zum Problem. Einfach ausgespuckt
klebt sie am Boden und an Schuhsohlen. Besonders Garstige kleben sie unter
Tische und Sitzflächen. Durch Dreck werden die Kaugummis zu schwarzen
hässlichen Plaketten, die an warmen Sommertagen wieder ihre volle
Klebekraft entfalten und sich nur mit großem Aufwand entfernen lassen.
Bis sie verrottet sind, können Jahre vergehen.
Je extremer die Temperaturschwankungen sind, denen das Kaugummi ausgesetzt
ist, desto schneller zersetzt es sich. Bei gleichbleibenden Temperaturen
dauert es etwa fünf Jahre, bis die Base sich aufgelöst hat. Die
wirksamste Waffe gegen allzu hartnäckige Kaugummirest ist Kälte:
Bei tiefen Temperaturen bricht die Polymermasse und lässt sich entfernen.
Wird sie jedoch wieder erwärmt, klebt sie genauso gut wie vorher.
Joe Schilling, Welt 6.9.2000
http://www.wrigley.com/gum/began.htm
http://www.gum-mints.com/conaffairs/historyofgum.html